Sie lebten von dem, was die Natur ihnen zufällig zu bieten hatte. Wuchsen Beeren an einem Strauch, dann aß man Beeren.

 

 

Prolog

Bis zum Neolithikum, der Jungsteinzeit vor etwa sechstausend Jahren, waren die Menschen im heutigen Europa Jäger und Sammler. Das heißt, sie lebten von dem, was die Natur ihnen zufällig zu bieten hatte. Wuchsen Beeren an einem Strauch, dann aß man Beeren. Kreuzte ein Kaninchen ihren Weg, dann wurde Kaninchen gegessen. Die Menschen hatten kein festes Dach über dem Kopf, sondern zogen immer den wilden Herden hinterher. Und weil das Rad noch nicht erfunden war, verzichtete man auf Habseligkeiten, weil man die ja hätte schleppen müssen. In der Jungsteinzeit aber änderten die Menschen ihr Verhalten. Sie lernten, dass es besser war, wilde Gewächse auf einem festen Stückchen Erde anzupflanzen und diese vor wilden Tieren zu schützen. Und man fand ebenfalls heraus, dass man keine Tiere jagen muss, wenn man eine Gruppe von Tieren lebendig fängt und sie auf einer umzäunten Wiese einsperrt. Durch diese Entwicklung bekamen die Menschen auch die Gelegenheit, sich ein festes Dach über dem Kopf zu bauen. Somit war der Grundstein für die ersten Bauernhöfe gelegt worden. Die Gewächse wurden kultiviert und lieferten immer mehr Erträge, und die anfangs wilden Tiere gewöhnten sich allmählich an die Menschen. Zunächst arbeiteten die Bauern nur für ihren eigenen Lebensunterhalt. Zweifellos betrieb man ein bisschen Tauschhandel mit Handwerkern, die sich auf etwas anderes, zum Beispiel auf das Töpfern, spezialisiert hatten. Die alten Römer aber fanden hier buchstäblich neue Wege. Sie legten ein umfassendes Netz von Schnellstraßen durch ganz Europa an, welches nicht nur schnelle Truppenbewegungen ermöglichen sollte, sondern insbesondere auch dazu diente, Rom mit den erforderlichen Rohstoffen und Produkten zu versorgen. Schweine und Gänse kamen aus dem heutigen Flandern, Getreide aus Ägypten, Salz aus der Bretagne, Wein aus dem Languedoc usw. Nach dem Untergang des Römischen Reiches blieb davon leider nur wenig übrig. Erst im späten Mittelalter, als sich die Städte entwickelten, blühte wieder so etwas Ähnliches wie eine Wirtschaft auf.

Gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts setzte die Einführung der Dampfmaschine eine industrielle Revolution in Gang. Die hungrigen Bauern und Landarbeiter zogen massenweise in die Städte, um dort in den neuen Fabriken zu arbeiten. Das bäuerliche Umland leerte sich zusehends und nur die größten Bauern blieben zurück. Sie mussten fortan für Millionen von Verbrauchern die Energielieferanten, hauptsächlich Kartoffeln und Roggen, anbauen. Fleisch und Milchprodukte waren während eines Großteils des 19. Jahrhunderts ein großer Luxus, der nur einer kleinen Oberschicht der Bevölkerung vorbehalten war. Bekannt ist, dass die meisten Menschen damals Hunger litten. Ein absoluter Tiefpunkt waren die Jahre zwischen 1845 und 1849 mit einigen misslungenen Kartoffelernten (Kartoffelfäule), als die Menschen sogar ihre Setzlinge aßen. In Irland kam es bei denen, die noch die Kraft dazu hatten, zu einer Auswanderungswelle, die die Leute auf Schiffen nach Amerika führte. Und in anderen Ländern versuchten Wohltätigkeitsorganisationen möglichst viele Kinder vor dem Hungertod zu retten, indem sie ihnen Zusatznahrung gaben.

Als das 20. Jahrhundert im Anmarsch war, schien eine neue Zeit anzubrechen. Die Zeit der großen Hungersnöte war in weiten Teilen Europas vorbei. In den Niederlanden wurde durch die Lebensmittelausstellung im Jahr 1887 in Amsterdam (mit ultramoderner elektrischer Beleuchtung) eine neue Zeit eingeläutet. Die Organisatoren betonten damals, dass sie hofften, dass ihre Initiative zum Volkswohl, zur Zufriedenheit sowie zum häuslichen Erfolg und Glück der Menschen beitragen würde. Die Besucher konnten hier ganz unterschiedliche Produkte und Themenbereiche kennenlernen, von denen viele damals gänzlich unbekannt waren. Muscheln, Austern, mithilfe von Dampfmaschinen hergestelltes Gebäck, Waffeln, warmer Kakao, Mineralwasser, Milch, Rheinwein, Tee, Brot, welches mit den ausgestellten Geräten zubereitet worden war, Konserven aus dem In- und Ausland, Fleischextrakte, Fruchtsirup, Kekse und vieles andere mehr. Was auf dieser Ausstellung sonst noch zu sehen war, lag damals zwar weit außerhalb der Reichweite des gewöhnlichen Volkes, machte aber Hoffnung für die Zukunft. Dank der Einführung des Kunstdüngers, mit dem große unfruchtbare Gebiete nun nutzbar gemacht werden konnten, würde es bald Nahrung im Überfluss geben. Im Nachhinein wissen wir aber, dass dieser Zeitraum der Versprechungen nur kurz andauern und es sehr lange dauern sollte, bis wieder Licht am Ende des Tunnels zu sehen sein würde. Denn den Menschen standen ein schrecklicher Weltkrieg, eine nichts und niemanden schonende Weltwirtschaftskrise und ein weiterer verheerender Weltkrieg bevor. Jahrhundertelang hatte es Hunger gegeben, der nur von kurzen Versprechungen auf bessere Zeiten unterbrochen worden war. Vor diesem Hintergrund müssen wir die politische Situation nach dem Zweiten Weltkrieg betrachten, in dessen Kielwasser die Gründung der modernen Kälbermast erfolgte ...

Wo müssen wir die Grundlage der modernen Kälbermast suchen? Ohne Zweifel im Jahr 1958, als der Landwirtschaftskommissar der neu gegründeten Europäischen Kommission Sicco Mansholt seine Pläne für die Modernisierung der Landwirtschaft präsentierte. Eine gemeinsame Agrarpolitik mit Subventionen sollte den Bauern ein festes Einkommen garantieren. Europa wollte nach dem Zweiten Weltkrieg nie mehr hungern, also musste die Agarpolitik mit einer Intensivierung der Landwirtschaft einhergehen. Bis dahin hatten die Bauern immer Mischbetriebe gehabt, in denen von allem ein bisschen produziert wurde. Einige wenige Kühe und Schweine, ein Getreideacker, ein Gemüsegarten und ein von Pferd, Ochs oder Maulesel gezogener Pflug. Nun aber waren die Landbaumaschinen auf dem Vormarsch. Aber nicht nur der bäuerliche Sektor änderte sich drastisch, sondern zur gleichen Zeit vollzogen sich auch in der Welt der Lebensmittel einschneidende Prozesse. Der Einzelhandel und die Nahrungsmittelindustrie wurden innerhalb kurzer Zeit völlig auf den Kopf gestellt. Durch den explosionsartigen Anstieg der Nachkriegsbevölkerung (Babyboom), die ab den 1960er-Jahren auch über eine immer stärkere Kaufkraft verfügte, stiegen auch die Bedürfnisse erheblich. Das alte Bild der vielen kleinen Milchfabriken, die bei einer großen Menge von Bauern täglich eine, zwei oder drei Milchkannen abholten, und das der unzähligen bäuerlichen Käsereien, die ihre Produkte an den örtlichen Lebensmittelhändler verkauften, gehörte schon bald der Vergangenheit an. Innerhalb einer sehr kurzen Zeit vollzog sich in der gesamten westlichen Welt eine revolutionäre Veränderung. Die Milchbauern wurden größer und spezialisierten sich, die Hersteller von Milchprodukten und Käse expandierten ebenfalls und auch die Nachfrage der Verbraucher stieg rasant an. Infolge der industriellen Nachfrage nach Milch erreichte der Viehbestand eine bislang nicht gekannte Größe.

Und wo Kühe sind, da sind auch Kälber. Schließlich muss eine Kuh trächtig gewesen sein, um überhaupt Milch geben zu können. Eine Kuh gebärt ebenso viele weibliche wie männliche Kälber, aber mit den männlichen Kälbern kann ein Milchbauer nichts anfangen. Was wurde in den vielen Jahrtausenden zuvor mit den Kälbern gemacht? Aus der Bibel wissen wir, dass das Mastkalb schon vor Urzeiten ein Symbol für größtmöglichem Luxus war. Für das Großziehen eines Kalbs brauchte man viel Milch, ein wertvolles Produkt. Im Laufe der Jahrhunderte wurden die Kälber oftmals im Alter von 2 bis 3 Wochen geschlachtet. Sie boten der Bauernfamilie ein wenig Fleisch und der Rest wurde an den örtlichen Metzger verkauft. Einige Kälber, die sich dazu eigneten, erhielten eine Spezialbehandlung. In der Normandie bekamen diese 10 Eier pro Tag und wurden deshalb "Palais Royal" genannt, weil sie sich sozusagen für das königliche Schloss eigneten. Manche Bauern verwöhnten ihre Kälber auch mit in Milch eingetauchten Keksen. Wieder andere ließen sie bis tief in den Herbst hinein auf der Wiese weiden. Das Fleisch dieser Kälber bekam dadurch eine dunkle Farbe, weshalb sie "Broutards" genannt wurden. In einigen niederländischen Regionen gab es im 19. Jahrhundert die Tradition der sogenannten "roomkalveren", was wörtlich übersetzt "Rahmkälber" heißt. Diese Tiere standen in einem engen Stall, der nur wenig Bewegungsfreiheit bot, und sie bekamen oft einen Maulkorb, damit sie nichts anderes zu sich nehmen konnten als Milch, fette Vollmilch. Zwar existierte für diese Milchkälber nur ein kleiner Nischenmarkt, aber die Tiere brachten eine Menge Geld ein. Von einer echten allgemeinen Kälberproduktion konnte allerdings damals noch keine Rede sein. Das Kalb wurde nur als ein Nebenprodukt der Milchwirtschaft angesehen, welches von Zeit zu Zeit eine willkommene Alternative bot, wenn die Käsepreise gerade im Keller waren.

Apropos Käse. Bei der Zubereitung von Käse wird die Milch in Bruch und Molke getrennt. Für den Käsebauer ist natürlich nur der Bruch wichtig, aus dem der Käse gepresst wird. Aber was macht man mit der Molke, die dabei auch in großen Mengen anfällt? Im gemischten Bauernbetrieb hatte man dafür immer Abnehmer, weil Schweine das gern fressen. Aber was sollte man in den großen Käsereien mit der ganzen Molke anfangen? Oftmals schüttete man sie einfach weg oder streute sie auf dem Feld aus. Das war damals kein Problem, denn der Umweltschutz hatte in den Zeiten des Wirtschaftswunders noch keine besondere Priorität. Ein anderes Produkt, das aus Milch hergestellt wird, ist Butter. Für die Herstellung von 1 kg Butter braucht man ungefähr 25 l Milch. Was nach dem Abschöpfen des Rahms von der Milch übrig bleibt, nennt sich Magermilch. Daraus wird aus Gründen des Transports und der Haltbarkeit immer Milchpulver hergestellt. Aber was hat man in früheren Zeiten mit dem Magermilchpulver gemacht? Nicht viel. Durch den explosionsartigen Anstieg des Milchviehbestands und der Entstehung der Milchindustrie hatte man es also mit drei in erheblichen Mengen anfallenden Nebenprodukten zu tun, für die man kaum Verwendung hatte: männliche Kälber, Molke und Magermilchpulver.

Mehrere Quellen belegen, dass es die niederländische Firma Denkavit war, die eine brillante Lösung für das Problem fand. Zur gleichen Zeit, so stellte sich später heraus, beschäftigten sich auch andere Unternehmen mit einem vergleichbaren Projekt. Man fand heraus, dass Molke und Magermilch eine hervorragende Basis für Kälbermilch bildeten. Damit war das Problem der Nebenprodukte sozusagen schlagartig gelöst: Das Kalb konnte mit der Molke und der Magermilch verknüpft werden. Auf diese Weise schlug man drei Fliegen mit einer Klappe!

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